Der
Seaba-Geist
(Text
von
Robert Leitner)
Vor
dem Gemeindeamt wurde im Juli 2009 ein Skulptur aufgestellt, ein
Kunstwerk des Bildhauers
Mario Gasser aus Ehrwald. Die 3,4 m
hohe Figur wiegt ca. 3 t. Sie ist aus dem weißen Laaser
Marmorblock mit zigtausend Schlägen heraus
gemeißelt.
Ich besuchte den
Ehrwalder Künstler in seinem
Freiluft-Atelieran der Via
Claudia Augusta zu Biberwier. „Sieh, die
unzähligen
Bruchstücke, jeder Steinsplitter
stammt von
mindestens einem Hammerschlag“, so Mario Gasser.
Das
Standbild gehört zu seiner Serie „die
Vier Berg-Geister“, welche
der Bildhauer den schemenhaften Elementen in den Bergen
widmete:
-
D’Schrofa-Hex ( = Feuer),
-
Der
Thörle-Geist ( = Erde),
-
Der Seaba-Geist ( = Wasser),
-
Die
Vier Wind
( = Luft), (N = Boar-Wind, W =
Schwoab-Wind,
S
= Summer-Wind, O = Goas-Tal-Wind)
Die
Statue verkörpert den Geist, hausend in den Felsen um den
legendären Seebensee dessen kristallklare Fluten in
einem
stäubenden Wasserfall 200 m tief ins Tal
stürzen und
zerfließen.
Aus den Felsspalten am Fuße der Seebenwand quillt
auch unser Trinkwasser, dieses kostbare Nass, welches das ganze Dorf
wohltuend versorgt. Das Meisterwerk wurde vom Gemeinderat
ausgewählt und damit hat er dem scheinbar
unbedeutenden, alltäglichen Element, unserem
Trinkwasser, ein würdiges
Denkmal gesetzt.
Das
Kunstwerk besteht aus drei Teilen.
Im oberen Abschnitt sind symbolhaft
die aufragenden Felsen herausgemeißelt, genau so,
wie das Wetter den Stein mit sanfter Kraft, aber
beständig formt und verformt
Im unteren Teil sieht man den
Seaba-Geist bergwärts blicken, hin zum
Seebenwasserfall, welcher in der Ferne manchmal als
kleiner weißer Streifen sichtbar wird. Über das
Kunstwerk strömt das glasklare Wasser
wallend-fallend, in sein steinernes Becken sich
ergießend und entfließend in das Dunkel
der Erde.
Daneben spritzt aus spitzem Stein ein
feiner Strahl, frisches Wasser, lädt Dürstende ein
zum Trinken und
andere zum Träumen, zum Denken…
Seit
urdenklichen Zeiten glaubten Menschen fest daran, dass
überall, auch in den himmelhoch aufragenden Bergen,
geheimnisvolle Wesen im
Verborgenen wandeln.
Der Gute Geist lebt um den Seebensee, der Böse
im Drachensee. Die „aufgeklärten“
Zeitgenossen können diese
unsichtbare Geisterwelt nicht mehr erkennen.
Nur Künstler, wie
Mario Gasser, sehen noch die schleierhaften
Figuren,
welche im Stein verborgen stecken, nur sie können sie
herausschälen, sie entschleiern
Die Berge sind keine
toten Gebilde, sie wachsen und vergehen in
unvorstellbar
langen Epochen, aber sie leben und bewegen sich
stetig und
geheimnisvoll.
Ein eindrucksvolles Mahnmal gewidmet den
guten Geistern und dem wunderbaren Trank. Obwohl das Wasser in
Ehrwald aus dem Kalkgebirge unerlässlich
strömt, ist es
fabelhaft weich, eine kostbare Gabe der Natur, dessen
Wert
nur von denen geschätzt wird, denen es mangelt. Der
„Geist im
Berg“ bewacht das unersetzbare Gut und sorgt dafür,
dass es
ununterbrochen fließt.
Unser Trinkwasser
wird von mehr als 1000 m Gestein gefiltert. Die Berge gleichen
einem riesigen Schwamm. Wenn der Schnee schmilzt, versickert
das
kostbare Nass in winzige Spalten und enge
Klüfte. Bei uns
in Ehrwald dauert es drei Jahre bis es im Tal als Quelle
wieder
ans Tageslicht kommt. Im Innern der Berge, dort wo der
Seaba-Geist lebt, gibt es weder Sommer noch Winter,deshalb
quillt unser Trinkwasser zu jeder Jahreszeit mit + 9°C aus dem
Boden. Unsere Flüsse und Bäche
erstarren auch bei größter
Kälte nicht zu Eis.
Man hört sagen: „Wasser, das fließt,
gefriert nicht“, doch nur der umgekehrte logische
Schluss ist
richtig: Wasser, welches nicht gefroren ist,
fließt(!!)
Der
Seeben-Wasserfall erstarrt im Winter zwar zu langen
Eiskaskaden,
aber erst wenn sein Wasser die schützenden
Mächte im Felsen
verlassen hat, können die Eiszapfen wachsen.
Dieses
zeitgenössische Kunstwerk, ist wie der Eingriff des Heute in
das
Gestern, erfolgte mit Respekt vor der Tradition und im Bemühen,
durch die Vermischung das manchmal
selbstverständlich
Erscheinende sichtbar zu machen, uns sehen zu lehren, was wir meist
ohne viel Nachdenken wahrnehmen.